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Baltischer Tiger

MICE-Standortcheck Tallinn

In Sachen IT und Cybersicherheit ist Estlands kleine Hauptstadt Tallinn ganz groß. Und statt Bürokratie erwartet Tagungsplaner eine vielsprachige Bevölkerung in einem einzigartigen mittelalterlichen Zentrum.

Zeichen der IT- Dominanz: Digitale Zertifizierungsbehörde, Grundrecht auf Internet
Zeichen der IT- Dominanz: Digitale Zertifizierungsbehörde, Grundrecht auf Internet

Es war ein sonniger Septembertag. Europas Staatschefs hatten sich zum Digitalgipfel in Tallinn versammelt. Der französische Präsident nutzte eine freie Stunde, um sich die Altstadt anzuschauen, eines der am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtzentren der Hanse und Unesco-Welterbe. Emmanuel Macron flanierte über den Rathausplatz, bewunderte pastellfarbene Fassaden, spitze Giebel und den schlanken Rathausturm, er plauderte mit Einheimischen und machte Selfies. Sicherheitsleute waren nicht zu erkennen.

»So etwas geht wohl nur bei uns«, sagt Anu Metsallik, stellvertretende Sales-Managerin der Unique Hotels, die in Tallinn mit vier Häusern vertreten sind. »Tallinn ist klein und sehr sicher. Hier lassen sich Risiken gut eingrenzen.« Das schätze auch das Sicherheitspersonal von Staatschefs. Außerdem sei es leicht, ins Gespräch zu kommen, so Metsallik: »Fast jeder spricht neben Estnisch auch Englisch, viele dazu Russisch und Finnisch.«

Typisch für Tallinn war auch das Thema des EU-Gipfels, die Digitalisierung Europas: Hotmail und Skype wurden hier entwickelt. Das Grundrecht auf kostenfreien Internetzugang ist in der Verfassung festgelegt. Seit dem Jahr 2000 arbeitet die Regierung ohne Papier, das Parlament stimmt per Mausklick ab, Debatten verfolgen die Bürger live im Netz. Im einstigen Fischerviertel Kalamaja – gleich hinter der Stadtmauer – blühen Start-ups und Hipster-Cafés; ein weiterer Beleg dafür, dass festungsartige mittelalterliche Bausubstanz und frischer Innovationsgeist einander nicht ausschließen.

Superschnelles Internet selbst im tiefsten Wald
»Tallinn ist die IT-Metropole schlechthin«, erklärt Kay Peter Bischoff. Der deutsche Hotelier lebt seit 2002 in Estland und führte in Tallinn die Fünf-Sterne-Häuser Schlössle und St. Petersbourg, bevor er Ende März das Boutiquehotel The Regent eröffnete. »Estland hat von Anfang an konsequent in die Zukunft investiert. Heute gibt es hier auch im tiefsten Wald superschnelles Internet. In Deutschland reden alle über den Mobilfunkstandard 4G, hier denkt man an 10G.« Knapp achtzig Prozent der 1,3 Millionen Esten nutzen das Netz in fast allen Lebenslagen: wenn sie ein Rezept benötigen, ein Busticket kaufen, eine Firma gründen oder ihre Steuererklärung abgeben.

»Wir kommen gar nicht auf die Idee, zu einer Behörde zu gehen, um eine Unterschrift zu leisten«, erläutert Kaarel Korjus, Leisure-Manager der Unique Hotels, die praktischen Realitäten des Lebens in der digitalen Republik. »Stattdessen machen wir alles online, mit unserem Ausweis und einem Zugangscode.« Blitzschnelle Glasfasertechnik erledigen den Rest.
 

»Estland hat von Anfang an konsequent in die IT-Infrastruktur investiert.«

 

Sich schnell auf Neues einzustellen ist gewissermaßen Teil der estnischen DNA. Dank dieser Fähigkeit konnte das kleine Land Jahrhunderte der Fremdherrschaft überstehen, ohne seine Identität einzubüßen. Zuletzt überdauerte es die Zwangsmitgliedschaft in der Sowjetunion, die erst mit der friedlich erlangten Unabhängigkeit 1991 endete. Von da an fuhren das Land und seine 430.000-Einwohner-Hauptstadt auf der Überholspur. 2004 wurde Estland Mitglied der EU und der Nato. Wirtschaftlich galt der junge Staat da bereits als baltischer Tiger, der auch nach der Krise 2008 schnell wieder aufstand. Im selben Jahr wurde in Tallinn das »Centre of Excellence for Cyber Defense« der Nato aufgebaut. Seither hat Estland seine Pionierstellung in den Bereichen IT und Cybersicherheit ständig ausgebaut.

EU-erprobt:  Früher Kraftwerk, heute Creative Hub für Events
EU-erprobt: Früher Kraftwerk, heute Creative Hub für Events

Erklärtes Ziel: Führende internationale Event-Destination
Digitale Themen dominieren naturgemäß auch den Veranstaltungskalender, von der ersten internationalen Blockchain and Bitcoin Conference im März über die internationale Konferenz zu Cyberkonflikten (ICCC) im Juni bis zur Tallinn Software Conference (TTSC) im kommenden Januar. Auch Mediziner treffen sich hier oft, im Juni etwa zur internationalen Konferenz über das Zikavirus.

2017 war die EU ständiger Gast. Sechs Monate früher als geplant übernahm Estland die turnusmäßig wechselnde EU-Ratspräsidentschaft, nachdem die Briten, die eigentlich am Zuge waren, Brexit-bedingt abgesagt hatten. Tallinn richtete 27 politische und wirtschaftliche Events mit 27.000 Gästen aus; hinzu kamen 270 weitere Konferenzen, Ministertreffen und Meetings. »Das war unsere Feuerprobe«, sagt Raigo Triik, General Manager des im Mai um ein Schwesterhotel erweiterten Hotels Metropol im Rotermann-Quartier. »Wir konnten unsere Gastgeberqualitäten einem Spitzenpublikum präsentieren und haben diese Chance genutzt.« Das positive Feedback habe neuen Ehrgeiz geweckt, so Triik: »Wir wollen noch besser werden und uns als internationale Event-Destination etablieren.«

Die Voraussetzungen stimmen. »Mit 7300 Hotelzimmern und einem halben Dutzend Neueröffnungen in diesem Jahr sind wir mit unseren Kapazitäten gut aufgestellt«, erklärt Riine Tiigi, Marketing-Managerin im Kongressbüro. Während kleine Boutiquehotels überwiegend in der historischen Altstadt liegen, befinden sich die großen Kongresshotels in der Neustadt. Radisson, das aufgrund seiner Ursprünge als Teil der SAS-Gruppe in allen nordischen Ländern stark vertreten ist, betreibt neben Swissôtel, Hilton und der finnischen Sokos-Gruppe die größten einschlägigen Hotels.

Oase für Start-ups: Innovationsgeist im einstigen Fischerviertel Kalamaja
Oase für Start-ups: Innovationsgeist im einstigen Fischerviertel Kalamaja

Hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis, Toptechnologie und kaum Bürokratie
Dennoch werde der Markt weiter expandieren, so Kongressbüro-Frau Tiigi. Der MICE-Bereich werde gezielt gefördert: »Wir unterstützen estnische Wissenschaftler dabei, mehr Konferenzen nach Tallinn zu holen«, sagt sie. »Im Ausland bewerben wir unsere Stärken: ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis, kaum bürokratische Hemmnisse, dafür Toptechnologie. Zudem besitzen wir einzigartige Locations.«

Wie die Stadt selbst spiegeln sie innovativen Geist und historisches Erbe. 2015 wurde ein altes Kraftwerk zum »Tallinn Creative Hub« umgestaltet. Als Paradebeispiel industrieller Architektur des frühen 20. Jahrhunderts mit zwei gigantischen Heizkesseln bildete es den Hauptschauplatz der EU-Events. Auch der einst verfallene Wasserflughafen, nach aufwendiger Restaurierung heute das spektakulärste Museum des Landes, bietet mit einem achtzig Jahre alten U-Boot und dem unter der Decke schwebenden Wasserflugzeug eine außergewöhnliche Kulisse. Locations wie dieser gewaltige Hangar, zu dem auch ein Eisbrecher im Hafenbecken gehört, sind so nur in Tallinn zu finden – ebenso wie die Säle des bildschönen, 600 Jahre alten Baus der Schwarzhäupter-Bruderschaft in der Altstadt.

Dennoch ist Tallinn nicht am Ziel. »Wir bekommen ständig Anfragen nach Veranstaltungsorten für über tausend Teilnehmer«, so Riine Tiigi. Weil die Saku-Arena als größte Multifunktionshalle des Landes stets gut gebucht sei, werden derzeit Pläne entwickelt, die durch Leerstand gezeichnete Stadthalle zu modernisieren. Sie wurde 1980 anlässlich der Olympischen Spiele in Moskau erbaut, bei der Tallinn die maritimen Wettbewerbe ausrichtete. In vier bis fünf Jahren wird sie ihr neues Leben als altstadtnahes Konferenzzentrum für bis zu 2500 Teilnehmer beginnen.

»Dann können Delegierte zu Fuß vom Hotel zum Kongress gehen«, schwärmt Kay Peter Bischoff. Schon jetzt seien Kompaktheit und Anbindung Tallinns große Trümpfe: »Der Flughafen ist zehn Minuten von der City entfernt, der Fährhafen liegt gleich hinter der Altstadt.« Der Airport, der Tallinn nonstop mit den Nachbarländern sowie mit London, Barcelona, Brüssel, Mailand, München, Frankfurt, Berlin und Amsterdam verbindet, verzeichnet ständig steigende Passagierzahlen – 2017 erreichten sie den Rekordwert von 2,6 Millionen. Auch der Hafen boomt, das achtzig Kilometer entfernte Helsinki ist stündlich per Fähre erreichbar. Doch Tallinn träumt schon weiter: von einem Tunnel unter der Ostsee, der die beiden Hauptstädte miteinander verbindet.

Stadt der Kontraste: Alt? Neu? Beides!
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